Was bei den Menschen
unmöglich ist, das ist bei Gott möglich. (Lk 18, 27)
Liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Mitarbeiterinnen
und Mitarbeiter, sehr geehrte Damen und Herren,
die Frage nach dem 1.
Gebot, die Frage danach, wer Gott ist und wem allein das Attribut „gut“ gebührt, durchzieht die Perikope vom reichen Jüngling. Ein anständiges Leben allein reicht nicht aus. Das Halten der Gebote führt nicht zu jener radikalen Lebenshingabe,
die mit der Frage nach dem ewigen Leben
gestellt ist. Aber „alles verkaufen, was man besitzt und den Erlös den Armen geben“? Das ist eine Option, zu der nicht nur der reiche Jüngling nicht
in der Lage ist. Auch die Gemeinde fragt entsetzt: Wer kann dann gerettet werden?
Will uns Jesus also nur zeigen, dass wir aus eigener Vernunft und Kraft nicht gerettet werden können? Zeugt es aber nicht auch von einem Stück Realitätssinn, wenn wir
am Geld „hängen“, uns Gedanken um das „Morgen“
machen und uns sinnvollerweise auch absichern und vorsorgen? Jesu Trauer um den jungen Mann ist echt und
lässt er ihn nur ungern ziehen. Aber hätte es eine Alternative für diesen ernsthaft fragenden und suchenden Menschen gegeben?
Und ist deshalb die Spruchweisheit von Lk 18, 27 am
Ende nicht nur Beschwichtigung, die zwar ein reibungsloses Gemeindeleben ermöglicht — inklusive Rücklagenbildungen, aber im Kern an der Radikalität der jesuanischen Botschaft
vorbei geht?
Für sich genommen und
dem Kontext entzogen taugt die Jahreslosung 2009 zur Bestätigung und Unterstützung für alles und jedes und ist
insofern fast bedeutungslos.
Existentiell gehört und verstanden, kann dieser Vers aus dem
Lukasevangelium zum echten Trostwort werden, indem es auf das Vermögen Gottes verweist, das unserem Können
und Machen unendlich überlegen ist.
Wenn anstehende Struktur- und Immobiliendebatten
im neuen Jahr mit Hinweis auf Lk 18, 21 geführt
werden, dann könnte dies in aporetische Situationen fuhren. Die Erinnerung an das
unbegrenzte Vermögen Gottes könnte zum „schlagenden“ Argument für mehr
Gottvertrauen auch in schwierigen Zeiten
werden. Ob das im Sinne Jesu gewesen wäre, ist fraglich.
Denn in diesem Sinne
handlungsleitend ist die Losung für das Jahr 2009 nicht. Wenn wir Text und Kontext ernst
nehmen, dann verweist uns dieser Vers aus dem Lukasevangelium vielmehr darauf, dass
das Entscheidende unserm Handeln entzogen ist, so sehr wir uns auch bemühen.
Uns, die wir so sehr auf das Machbare fixiert
sind, ist mit diesem Wort eine deutliche Grenze gesetzt. Wenn
wir uns mit der Geschichte des reichen Jünglings und der Reaktion
der Gemeinde auf diese Episode beschäftigen, sehen wir: Rettung,
ewiges Leben sind nicht „Werte“, die zu unserer Verfügung stehen und
deshalb auf unserer Angebotsliste stehen.
Angesichts unseres
Unvermögens können wir deshalb nur erschrecken und erkennen, dass „alle des Ruhmes
ermangeln, den sie bei Gott haben sollten“ (Röm 3,
23).
So gehört und so verstanden, ist die Losung für 2009 ein Wort, das nicht zum Abheben und Überfliegen verleitet, sondern zum nüchternen Erkennen der eigenen begrenzten Möglichkeiten und der eigenen
begrenzten Wirklichkeit.
Aber Gott sei Dank ist das nicht alles! Gott sei Dank
gibt es noch mehr. Aber mit diesem „mehr“ zu rechnen, mit diesem „mehr“ zu kalkulieren, wäre mehr als töricht, denn
es bedeutete, Gott für sich selbst einzuspannen,
für die eigenen Interessen und Bedürfnisse zu nutzen und damit Gott für sich zu instrumentalisieren.
Was bei den Menschen unmöglich ist, das ist bei Gott möglich. Wenn das Prädikat „alles zu vermögen“
allein Gott zukommt, dann geht es in der Losung für das Jahr 2009, wie in der
ganzen Perikope vom reichen Jüngling, um die Frage nach dem 1. Gebot und darum,
ob wir es aushalten, Gott Gott sein zu lassen oder ob wir uns an
seine Stellen setzen wollen. So kann uns das Wort der Jahreslosung zur echten Wegweisung werden.
Oft stehen ja
Entscheidungen wie ein großer Berg vor uns. Wir übersehen nur in den seltensten
Fällen, was unseren ersten Schritten an Mühen folgen wird. In vielen Fällen werden wir auch an dem einmal
eingeschlagenen Weg irrewerden, weil sich die Voraussetzungen geändert haben und auch wir nicht dieselben geblieben sind. Was ist gut? Gut
ist Einer, sagt die Bibel lapidar. Und ihr? Ihr könnt nicht
alles.
Ich wünsche uns allen in
den Herausforderungen und Krisen des neuen Jahres, dass uns sowohl der Trost
als auch die Zumutung der Jahreslosung in den Sinn kommt, wenn es gilt,
Entscheidungen zu treffen.
In diesem Sinne grüße ich Sie herzlich, danke für alle
gute und freundliche Wegbegleitung und freue mich auf Begegnungen im Neuen Jahr und auf
die Überraschungen, die es für uns bereit hält
Ihre
Gabriele Wulz